Was bedeutet Heimat – und wie verändert sie sich im Lauf eines Lebens? Anlässlich des 13. Tags der Archive lädt das Forum Gestaltung gemeinsam mit dem Wewerka Archiv zu einer filmischen und diskursiven Annäherung an diese Frage ein.
Im Mittelpunkt steht die Vorführung des Dokumentarfilms „Magdeburg sein“ (2015) von Regisseur Mathias Max Herrmann. Der ruhig beobachtende, entschleunigte Film nähert sich der Stadt Magdeburg über die Stimmen ihrer Bewohnerinnen und Bewohner: Zugezogene und Geborene, Künstler, Intellektuelle und Alltagsmenschen erzählen von Potenzialen, Brüchen, Verlusten und Hoffnungen. In atmosphärischen Luft- und Zeitrafferaufnahmen wird Magdeburg als Stadt sichtbar, deren besondere Geschichte bis heute nachwirkt – geprägt von Zerstörung, Neuanfang und einem oft beschriebenen „Phantomschmerz“, aber auch von Widerständigkeit und Charme.
Eine zentrale Stimme des Films ist der Künstler Stefan Wewerka (1928–2013), der immer wieder die schwierige Außenwahrnehmung seiner Geburtsstadt thematisierte. Seine „alte Heimat“ Magdeburg ließ ihn zeitlebens nicht los. Ausdruck davon ist unter anderem sein visionäres, nie realisiertes Projekt einer Otto-Säule, die auf dem Magdeburger Domplatz an die einstige Bedeutung der Stadt in Europa erinnern sollte. Zum Tag der Archive werden ausgewählte Entwürfe dieser geplanten Säule der Öffentlichkeit präsentiert.
Die Filmvorführung und die Präsentation der Entwürfe nehmen wir zum Anlass, gemeinsam über Magdeburg, den Wandel des Heimatbegriffs und die Künstlerfamilie Wewerka ins Gespräch zu kommen. Der Aktionstag lädt dazu ein, Archive nicht nur als Orte der Bewahrung, sondern als lebendige Räume der Erinnerung, Reflexion und Zukunftsfragen zu begreifen.
"Magdeburg sein" ist ein Blick auf die Stadt Magdeburg aus der Perspektive ihrer Bewohner und Besucher. Die Taxifahrerin, die an ihrem Geburtshaus vorbeifährt, das gerade abgerissen wird, der Domküster, der die Vorzüge farbloser Fenster im Dom beschreibt, der Oberbürgermeister, der mit Fragen städtebaulicher Umstrukturierung konfrontiert ist.
Regie und Kamera: Mathias Max Herrmann
Realisation: Gerald Rabe
Musik: Gerald Rabe | hyparschall
Originalton: Jascha Heidicke
Farbkorrektur: Peter Bräunig
Untertitel: Krister Johnson
Produktion: Norbert Pohlmann | Forum Gestaltung e. V.
Das Wewerka-Archiv wurde am 4. Juni 2014 auf Initiative des Forums Gestaltung e. V. und der Familie Stefan Wewerkas gemeinsam mit der Stadt Magdeburg gegründet und befindet sich seitdem im Aufbau. Es hat seine Heimstatt im Gebäudekomplex der ehemaligen Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg.
Das Archiv hat die Aufgabe, das Werk Stefan Wewerkas und seiner Familie, namentlich seines gleichfalls mit Magdeburg verbundenen Vaters Rudolf, dessen Bruder Hans sowie das seines Sohnes Philipp Wewerka zu bewahren, zu pflegen, zu sammeln, zu erschließen und zu vermitteln.
Mit der Gründung des Wewerka-Archivs sichert und erschließt sich Magdeburg ein für die deutsche Kunstgeschichte exzeptionelles künstlerisches Werk. Person und Werk Stefan Wewerkas verbinden das Magdeburg der Klassischen Moderne, die „Stadt des Neuen Bauwillens“, auf einzigartige Weise mit den künstlerischen Entwicklungen der westeuropäischen Nachkriegsmoderne der zweiten Jahrhunderthälfte. In seinem universellen Ansatz ist es geeignet, auch künftige Entwicklungen zu inspirieren.
Stefan Wewerka, als Sohn von Rudolf Wewerka 1928 in Magdeburg geboren. Von 1946 bis 1950 studierte er an der Hochschule für bildende Künste in Berlin Architektur und gewann 1951 den Wettbewerb um den Bau der Bundesjugendherberge Bonn-Venusberg, sein erstes und einziges größeres Architekturprojekt, dass er auch verwirklichen kann. Seit 1954 lebte er in Köln, von 1963 bis 1967 in Berlin, wo er dreieinhalb Jahre im Büro von Hans Scharoun arbeitete, doch waren diese Jahre durch eine zunehmende Intensivierung seiner Arbeit auf dem Feld der freien Kunst geprägt. Schon 1961 hatte er seine ersten Zerschneidungen realisiert. Während dieser Jahre machte er während seiner Reisen durch Europa, in die USA und nach England Bekanntschaften mit einer Vielzahl europäischer Architekten und Künstler. Von 1977 bis 1993 lehrte er schließlich als Professor für Grundlagen im Fachbereich Kunst und Design an der Fachhochschule Köln. Während dieser Zeit gab es 1987 bis 1988 eine intensive, programmatisch geprägte Zusammenarbeit mit der Firma TECTA, Lauenförde. Am 14.September 2013 starb Stefan Wewerka in Berlin.
Sein (Stefan Wewerkas, Anm. d. Red.) Werk umfasst seit mehr als sechs Jahrzehnten nahezu alle künstlerischen Medien und Ausdrucksformen: Er ist Architekt und Objektkünstler, Designer und Modemacher, Möbelentwerfer und Innenarchitekt, Bildhauer, Maler und Grafiker, Filmemacher und Aktionskünstler. Sein vielseitiges und komplexes Werk reflektiert und kommentiert auf sehr eigensinnige Weise die künstlerischen Entwicklungen dieser Zeit und hat sie durchaus auch mit konturiert.
Auf all diesen ästhetischen Feldern hat Wewerka Bedeutendes, manchmal Exzeptionelles geleistet, weil er sie immer von Grund auf neu durchdacht hat. Dabei hat er sich von den Reichhaltigkeiten der künstlerischen Traditionen ebenso anregen lassen wie von Weggefährten und Zeitgenossen.
Volker Fischer, 2013